Leider steil – Urlaub auf dem Kilimanjaro

Was einem eine Reportage alles einbrocken kann… Da liegt man an einem Sonntagnachmittag gemütlich auf der Couch und guckt eine Reportage über das Abenteuer eines Pärchens – das Abenteuer einer Kilimanjaro-Besteigung. Genau da hat mich das Reisefieber gepackt und der Traum war geboren: Irgendwann muss ich das auch einmal machen.

5 Jahre vergingen und dann kam im Oktober 2016 das  „irgendwann“!

Montag, 24.10.2016

Endlich war ich da. Nach einer Anreise von 24 Stunden Ankunft in der Kilemakyaro Lodge in Moshi/Tansania… Ich hoffte, die Strapazen dieser Anreise und der viermonatigen Vorbereitung mit einem monströsen Sportprogramm, vielzähligen Bergtouren, einem Halbmarathon und Rauchentwöhnung werden belohnt! Mit mir angereist zum Showdown waren 4 weitere „Verrückte“, mit denen ich die nächsten Tage verbracht habe: ein Ehepaar, ein Bekannter des Pärchens und ein Landsmann aus gerade noch Bayern. In der Lodge traf ich die letzten Vorbereitungen, denn am nächsten Tag frühmorgens sollte es zum Ausgangspunkt der Machame Route gehen. Wichtiges Vorhaben diesen Nachmittag/Abend: Akkus laden! Gar nicht so leicht, bei Stromversorgungsproblemen der Lodge. Mit dem Schlafakku gab es nicht so viele Probleme, hatte im Flugzeug ja nur 2 Stunden Schlaf erwischt.

 

Dienstag, 25.10.2016

Nach einem ausgiebigen Frühstück ging es mit einer halben Stunde Verspätung um 8:30 Uhr mit dem Jeep, vollgepackt mit 7 Seesäcken (2 Teilnehmer leisteten sich den Luxus von 2 Seesäcken), zum Machame Gate auf 1.800 hm. Dort angekommen wurden zunächst einmal die Formalitäten geklärt. Im Laufe der Reise wurden Passnummer und Beruf zu meinen geheimen Zugangscode, denn auch während der Tour musste ich diese immer wieder in ein Verzeichnis eintragen. Danach hieß es zunächst einmal warten, aber es gab viel zu sehen. Unsere Entourage von 18 Trägern kam dann nämlich am Gate an, packte unsere Seesäcke in Schutzsäcke, wog alles ab und bereitet alles weitere vor: Essen für die nächste 6 Tage, Schlafzelte, Verpflegungszelte, Kochzelt, Tisch, Stühle usw. Der pure Wahnsinn und etwas dekadent, um ehrlich zu sein… Nach circa 2 Stunden Warte- und Fotozeit ging es dann endlich los, begleitet von unserem Guide Elias, seinen beiden Hilfguides, der Tochter des Lodgeinhabers Brenda und ihrem guten Freund Prince. Zunächst war es eine sehr steile aber ausgebaute Strecke bzw. eigentlich eine Straße. Ich ließ es langsam angehen, es gab ja auch viel zu bestaunen auf der Etappe durch den Regenwald. Mein Rucksack wurde trotz verzehrter Lunchbox zum Mittagessen und stark minimiertem Wasservorrat – man soll ja mindestens 4 Liter täglich trinken, um der Höhenkrankheit ein Schnippchen zu schlagen – nicht leichter, er schien eher immer schwerer zu werden und ich bekam im Laufe des Tages enorme Nackenschmerzen, die sich später zu starken Kopfschmerzen entwickelten. Deswegen war ich nach 5,5 Stunden dann auch froh, dass wir im ersten Lager, dem Machame Camp, auf 2995 hm ankamen. Unsere Markenzelte waren bereits fertig aufgebaut und im Verpflegungszelt warteten Tee, Kekse und Popcorn auf uns. Es ist wirklich erstaunlich, was die Träger leisten! Die sind den Berg ja förmlich hochgerannt, mit bis zu 20 kg Gewicht auf dem Kopf balanciert. Und ich hab schon Probleme mit meinem 35l Rucksack! Bevor es nach wenigen Minuten auch gleich Abendessen gab, konnten wir es uns im Zelt so gemütlich wie möglich machen, Seesack, Luftmatratze und Schlafsack auspacken. Zum Abendessen gab es dann ein 3-Gängemenü, unfassbar oder? Jeden Tag mit unterschiedlichen Zutaten bestanden all unsere Dinner aus Suppe, Eintopf mit kohlenhydratreicher Beilage und Früchten zum Nachtisch. Danach fiel ich auch schon ins Bett.

 

Mittwoch, 26.10.2016

Heute sollte es auf 3890 hm ins Shira Camp gehen. Was eigentlich in 5 Stunden zu erledigen sein sollte, dauerte bei uns dann 6,5 Stunden. Aber von Anfang an…

Am Morgen ging es mir, meinem Nacken und Kopf wieder gut! Ich hatte erstaunlicherweise schon wieder Hunger und machte mich über den Haferschleim her. Ich liebe dieses Zeug! Meine Mitstreiter nicht so, aber es gab ja auch Toast, Eier, Würstchen, Erdnussbutter, Obst… Mit etwas leichterem Rucksack starten wir mit einer kleinen Verspätung unserer Tagesetappe. Erst waren es unzählige Stufen, die mit Ästen befestigt waren, die Steighöhen waren aber immer relativ gleich. Also ein Klacks, vor allem wenn man 4 Monate lang auf dem Treppengerät im Fitnessstudio geübt hat. Danach folgte ein sehr steiniger Weg mit sehr unterschiedlichen Treppenhöhen. Ein echtes Hindernis für ein Gruppenmitglied, da sein Bein eine leichte Fehlstellung hat. Er quälte sich wirklich über diese Etappe, aber hielt mit Unterstützung durch 2 Träger, die per Walkie Talkie herbeigerufen wurden, tapfer durch! Dank des langsamen Tempos war diese Etappe für mich sehr leicht machbar und meine Leih-Stöcke waren wirklich ein Segen! Danke Michl!

Um Viertel vor 3 sind wir letztendlich angekommen, dann hab ich schnell ausgepackt und habe meine „Freizeit“ bei viel Tee und Knobelspielen mit Steinchen verbracht. Nach dem heutigen Abendessen ging es ziemlich schnell in den Schlafsack, auch wenn ich nicht besonders gut schlafen konnte, denn ich musste den Tee wieder loswerden und dafür 3 Mal die Toilette aufsuchen. Was a) für eine Frau eine wirkliche Herausforderung ist (schließlich ist es nur eine Hütte mit Loch im Boden) und b) ein totaler Aufwand (aus dem Schlafsack pellen, Jacke anziehen, Schuhe anziehen, Zelt verlassen und wieder retour).

 

Donnerstag, 27.10.2016

Der Donnerstag war ein Auf und Ab. Denn erst sollte es zum Lava Tower auf 4605 hm gehen, die höchste Etappe vor dem Gipfeltag. Mit dem Lied „Über den Wolken“ im Kopf – beim Verlassen des Zeltes stelle ich fest, dass ich über den Wolken bin – ging es um kurz nach 8:00 Uhr los. Der Aufstieg war heute doch etwas beschwerlicher, die Höhe zehrte ganz schön an den Kräften und deswegen war maximal Schneckentempo möglich. Beim Mittagessen fing es dann leicht an zu nieseln, aber die Abzweigung direkt zum heutigen Barranco Camp wollte ich keinesfalls nehmen! Zu dritt entschieden wir uns, den Lawa Tower zu erobern, zwei aus meiner Gruppe wollten direkt ins Camp. Meinen Tagesrucksack konnte ich aber bei aller Liebe nicht mehr selbst tragen, mein Nacken machte wieder totale Probleme und mein Rücken verspannte total. Ein Segen, dass ein Guide meinen Rucksack den restlichen Tag für mich getragen hat! Überglücklich kam ich am Lawa Tower an, so hoch war ich noch nie… Wir machen die obligatorischen Fotos vor dem Camp-Schild und brachen dann auch schnell wieder auf, wir mussten ja wieder zurück auf 3970 hm ins Barranco Camp, wo wir übernachten sollten. Die Nicht-Bergsteiger fragen sich bestimmt, warum denn wieder runtergehen? Die Taktik „Walk high, sleep low“ sollte uns helfen, uns an die Höhenluft zu gewöhnen und die Höhenkrankheit zu verhindern bzw. zu lindern. Nach über 7 Stunden kamen wir im Low an, ganz schön geschafft von der Etappe hieß es schnell Abendessen und ab ins Zelt. Am nächsten Tag sollte schon um 7:00 Uhr Abgang sein.

 

Freitag, 28.10.2016

Heute stand meine Lieblingsetappe auf dem Programm. Mit 40-minütiger Verspätung, 2 Seesäcke sind nachvollziehbar langsamer gepackt, ging es zum einfachen Klettern auf die Breakfast-Wall. Die Stöcke hatten erst mal ausgedient und werden an den Rucksack gehängt, denn bei dieser Teilstrecke braucht man seine Hände. Es hat richtig Spaß gemacht und ich wäre gerne den ganzen Tag so weiter geklettert! Auch hier zeigte sich wieder der unterschiedliche Körperzustand meiner Gruppe. Ich war in der führenden-bayerischen Gruppe, die die Mittagslocation als erste erreichte: Nach dem Auf und Ab am Vormittag – auch ein Mittel um die Höhe besser zu verkraften – war das Mittagessen ein absoluter Traum: es gab knusprige Hähnchenschenkel, mit gebratenen Kartoffeln und einem leckeren Salat. Als wir mit dem Essen fertig waren, waren die anderen immer noch nicht in Sichtweite, deswegen hat unser Guide entschieden, dass wir alleine mit ihm, Brenda und Prince aufbrechen, denn das Warten hätte einfach zu lange gedauert. Auch den restlichen Tag ging es hoch hinaus, im Anschluss wieder hinunter, dabei wurde die Landschaft immer karger und war bestimmt durch Felder von Steinmännchen. Um 17:30 Uhr kamen wir dann endlich im Barafu Camp auf 4540 hm an. Das letzte Teilstück war richtig hart, aber wir haben es bis hierhin geschafft und jetzt konnte der Gipfeltag kommen. Ich habe so lange darauf hin gefiebert und diese Nacht um Mitternacht war es endlich soweit. Im Zelt habe ich alles dafür bereit gelegt, habe mich dick angezogen und hoffte, dass ich gut schlafen kann. Aber der starke Wind und meine Nervosität machten mir einen Strich durch die Rechnung…

 

Samstag, 29.10.2016

Pünktlich um Mitternacht ging es nach Auffüllen der Wasserreserven (wieder 4 Liter), nach einem warmen Tee und ein paar Keksen los. Ziemlich dezimiert… Prince, Brenda und der Ehemann fehlten. Der Rest von uns machte sich dick eingepackt und mit Stirnlampe ausgestattet auf den Weg, José übernahm meinen Rucksack und auch die anderen gaben ihren Rucksack an einen Träger.

Was soll ich sagen, es war das Härteste, das ich je gemacht habe! Ein weiterer Teilnehmer musste umkehren und ich war auch knapp davor. Denn es war einfach kein Ende in Sicht! In unendlicher Ferne konnte man Stirnlampen von anderen Gruppen erkennen, mir kam es so vor, als würde ich in den Himmel steigen. Es war bitter kalt und der starke Wind raubte mir zusätzlich den Atem beim Aufstieg, meine Zehen und Finger froren zeitweise ein und meine Teamkollegen mussten gefühlt nach jeden zweiten Schritt Pause machen. Das war das Schlimmste für mich, diese Pausen raubten mir zusätzlich die Kraft und langsam fing ich an zu fluchen, auf bayerisch. Denn mit Hochdeutsch war an dieser Stelle Schluss. Völlig erschöpft und leider nicht pünktlich zum Sonnenaufgang kamen wir dann am Stella Point auf 5745 hm an. Doch hier war es noch nicht zu Ende, denn das berühmte Schild steht noch etwas höher am Uhuru Peak auf 5895 hm und war noch ca. weitere 1,5 Stunden entfernt. Mit meinen letzten Kräften schleppte ich mich auch da hoch, wollte allerdings nicht mehr angesprochen werden. Hätte auch nichts gehört, so laut musste ich atmen, um mein Gefühl zu bekämpfen, ich würde gleich ersticken. Und dann war ich endlich am Ziel meiner Träume angelangt und alle Dämme brachen! Ich fiel meinen 2 verbliebenen Mitreisenden, dem Guide Steve und Träger José in die Arme. Ohne José hätte ich es, glaube ich, nicht geschafft. Er ließ nicht locker und motivierte mich, als ich kurz vor dem Aufgeben war… Im Glückstaumel hieß es dann schnell Fotos machen, denn zu lange duften wir uns nicht auf dieser Höhe aufhalten.

Beim Abstieg merkte ich, dass ich mich ganz schön überanstrengt habe. Ich konnte es kaum erwarten, mich im Camp für ein paar Stunden hinzulegen! Das merkte man mir wohl auch an, denn auf halben Weg kamen uns die Träger aus dem Camp entgegen und verpflegten uns mit Saft. Pünktlich zur Mittagszeit kamen wir dann wieder im Barafu Camp an, mein direkter Weg führte ins Zelt. Denn jetzt war bis ca. 15:00 Uhr Zeit sich auszuruhen, bis es weiter runter ging auf 3950 hm ins High Camp. Der Abstieg war wider Erwarten sehr schön, denn eigentlich wollte ich an diesem Tag nicht weiter gehen. Kurz vor dem Sonnenuntergang kamen wir im letzten Camp der Reise an. Ein letztes Mal alles

Auspacken und ein letztes Mal Tee, Popcorn und das Abendessen im Verpflegungszelt genießen und beseelt im Zelt schlafen – ich hatte es tatsächlich geschafft!

 

Sonntag, 30.10.2016

Jetzt konnte ich es kaum erwarten zurück in die Lodge zu kommen und endlich wieder zu duschen – keine Katzenwäsche mit einem Eimer warmen Wasser mehr – und endlich wieder eine richtige Toilette. Diese Aussichten beflügelten mich sehr und der Abstieg auf 1.600 hm zum Mweka Gate war innerhalb von 4 Stunden erledigt. Highlight des Weges zurück durch den Regenwald: wir haben Affen gesehen! Und es hat wieder nicht geregnet, denn eigentlich wir man wohl entweder beim Aufstieg oder beim Abstieg nass. Das Wetterglück war auch hier mit uns, auf der ganzen Tour nieselte es nur an einem Tag!

In der Logde hieß es dann erst einmal ein kühles Bier auf den Gipfelsieg genießen und alle zuhause informieren, dass ich es geschafft habe. Während der Tour hat man zwar immer Netz, aber ich konnte einfach keine SMS verschicken. Danach aber ab unter die Dusche! Frisch und munter ging es dann zum Get-together mit all unseren Trägern und Guides. Die Träger sangen für uns, beglückwünschten uns für den Gipfelsieg und die Urkunden wurden verteilt. Der krönende Abschluss einer anstrengenden Tour aber die beste Erfahrung meines Lebens. Wir saßen noch einige Zeit zusammen, freuten uns dann aber doch auf das erste richtige Bett seit 6 Tagen.

 

Montag, 31.10.2016

Und schon ging das Abenteuer wieder zu Ende. Der Seesack wurde ein letztes Mal gepackt und die lange Reise zurück nach Hause begann – immer mit einem stolzen Lächeln auf dem Gesicht.

 

von N. Blattmeier

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